Koscher im Pinzgau


Koscher im Pinzgau

Von Martin Meggle

Fromme Juden finden in einem Alpental ein Hotel, das sich nach ihren Bedürfnissen richtet.

Saalbach-Hinterglemm

Vor dem Eingang des rustikalen Blumenhotels steht der Maschgiach auf der Dorfstraße und legt eine Pause ein. Er ist eine Art Küchenaufseher, der über die genaue Einhaltung der jüdisch-orthodoxen Speisegesetze wacht. Mit Kaftan, Kipa und Schläfenlocken wärmt er sich in der Mittagssonne und blinzelt zu den Pinzgauer Grasbergen. Seine Aufgabe erfüllt er mit großer Selbstverständlichkeit, als befände er sich mitten in New York und nicht an einem Talschluss der österreichischen Alpen. Doch nicht die schmutzige Brühe des Hudson River fließt an dem Maschgiach vorbei, sondern die Saalach, ein kristall-klarer Gebirgsbach, rauscht zu Tal. Willkommen und Grüß Gott in Hinterglemm. Aber eben auch Schalom!

Ein Mädchen aus orthodoxer Familie flitzt vorbei zum Spielplatz, der Maschgiach blickt ihm fröhlich hinterher. Ein mächtiges, holzgeschnitztes Kruzifix prangt am Hoteleingang, nur wenige Schritte vom Maschgiach und dem spielenden Mädchen entfernt. Zu Füßen des Gekreuzigten: zwei Parkbänke für Spaziergänger, die jausnen oder nur verschnaufen wollen. »Ruhe und Erholung wünscht Familie Sommerbichler, Hotel Tirolerhof« steht auf dem Schild der Bank geschrieben. Eine Postkartenidylle, endlich Sommerfrische in Österreich.

Wenn Schnee liegt werden in dem Wintersport-Dorado Saalbach-Hinterglemm 1,5 Millionen Übernachtungen gezählt. Im Sommer sind es jedoch nicht einmal ein Drittel. Um den saiso-nalen Gästeschwund auszugleichen, lassen sich Hotelbesitzer immer erstaunlichere Angebote für die wählerischen Gäste einfallen. Auf die Idee, ein koscheres Hotel für orthodoxe Juden zu eröffnen, ist in Österreich aber noch niemand gekommen. Genau das hat sich Stefan Sommerbichler, ein Hotelier von 35 Jahren, jedoch vor dreieinhalb Jahren in den Kopf gesetzt. Mitten im Irak-Krieg, als in Israel Gasmasken an die Bevölkerung verteilt wurden, öffnete er sein »Spa & Wellness Kosher Hotel«, das ausschließlich für orthodoxe Juden reserviert ist. Sommerbichler hat dabei nicht nur Glück gehabt, sondern auch ziemlich gute Nerven.

Als sein Entschluss endgültig feststand, wollte ihn zunächst niemand ernst nehmen. Im Dorf riet man ihm, »den Blödsinn« doch schleunigst zu vergessen. Aus Israel kam die vermeintliche Hiobsbotschaft: »Österreich? In dem Land kann ein frommer Jude, der den Sabbat und die Speisegesetze einhält, doch keinen Urlaub machen!« Auch liberalere Juden nahmen den Hotelier anfangs nicht ernst. Aber sie kannten den Sommerbichler schlecht und ahnten nicht, wie sehr ihn gerade die Herausforderung, dieser Seiltanz reizte, den er auf 1100 Meter Seehöhe zu bewältigen sich vorgenommen hatte.

Sogar chassidische Rebben halten einen Sommer lang Hof im Alpental

Mehrmals musste er beim orthodoxen Kashrus Komitee Khal Yisroel in Wien vorstellig werden. Dort wird eine Gütesiegel erteilt, das die ordnungsgemäße Befolgung der Kaschrut, der jüdischen Speisegesetze, bescheinigt. Genau diese Lizenz aber war für Sommerbichlers Pläne unerlässlich. »Grüß Gott«, sagte Maria, eine Mitarbeiterin des Hotels, die ihren Chef zum Rabbiner nach Wien begleitetete. Maria streckte dem Rabbi ihre Hand entgegen, doch der erwiderte, die einzige Frau, der er seine Hand reiche, sei seine Frau. »Dann hat der Rabbiner geglaubt, dass er mich schnell wieder loswird«, erzählt Sommerbichler. Aber der Mann aus den Alpen habe den Rabbiner nach allen Regeln der Kunst »aufgenudelt, also monatelang genervt«. Er ließ einfach nicht locker, arbeitete sich vor bis zu Rabbi A. Y. Schwartz, der die Hauptverantwortung in dem Kashrut-Komitee trägt. Nach stundenlangen Gesprächen bei einem koscheren Essen hatte er das ersehnte Siegel schließlich in der Tasche. Der Rabbiner prophezeite, man werde Sommerbichler wegen des koscheren Hotels anfeinden und auch ihn, der es ermöglicht hatte.

Der Tirolerhof sollte nicht bloß ein »bisserl« koscher werden, sondern »glatt koscher«, also der strengen Auslegung der Vorschriften folgen. Andernfalls »würden die frommen Juden aus New York oder die traditionellen Chassidim gar nicht kommen«, meint der Hotelier. Schon im ersten Jahr reisten Orthodoxe aus Europa und Israel an und im vergangenen Sommer auch aus dem fernen New York.

Rabbiner Aharon Spitzer, der neben dem Maschgiach für die strikteste Einhaltung der Speisegesetze in dem Vier-Sterne-Haus zuständig ist, versichert, dass dieses Hotel nicht nur in Österreich, sondern »auf der ganzen Welt« einzigartig sei. Strikt koschere Hotels würden überall nur von Juden geführt. Normalerweise. Mittlerweile aber haben sich die orthodoxen Juden auch in dem eindeutig nichtjüdischen Tirolerhof eingelebt, und manch ein geistliches Oberhaupt der chassidischen Tradition quartiert sich sogar über mehrere Monate mit seinen engsten Getreuen ein. Die Anhänger des jeweiligen Rebbes reisen dann oft mit ihrem großen Familienanhang aus verschiedenen Erdteilen an, um ein, zwei Wochen lang mit ihrem spirituellen Lehrer gemeinsam zu beten und religiöse Schriften zu studieren.

Die chassidischen Rebbes mit ihrer Gefolgschaft erinnern an einen kleinen Hofstaat. Rabbiner, denen Sommerbichler auf dem Hotelgelände begegnet, kennt er oft persönlich. Manche sind eine oder sogar zwei Generationen älter als er und gehen mit ihm väterlich um wie mit einem eigenen Sohn. Sie klopfen ihm auf die Schulter, loben ihn für seine Arbeit und indirekt wohl auch für seinen Mut. Ja, gesteht Sommerbichler, da schwinge manchmal schon so etwas mit wie ein »Familiengefühl«. Selbst der Schwester des Hoteliers ist es schleierhaft, wie ihr Bruder es geschafft hat, die Herzen selbst ultraorthodoxer Juden zu erobern. Es imponiere ihr, sagt sie mit schwärmerischem Blick, wenn die orthodoxen Juden aus New York im Tirolerhof sich gleich nach ihrer Ankunft erkundigen: » Where is Stefan?«

Von außen betrachtet, verrät nichts das orthodoxe Innenleben des Tirolerhofs. Geranien hängen von den Balkons und sehen auch hier so aus, als dürften sie nie im Leben verwelken und müssten tapfer endlos weiterblühen. Der Hotelier hat unterdessen für alles gesorgt, für streng koschere Kost ebenso wie für hotelinterne Synagogen: Die zünftige Wirtsstube, in der im Winter die Skifahrer manchmal bis zum Umfallen »schnapseln«, wird im Sommer flugs in eine Synagoge umgewandelt. Jedes Jahr leiht Sommerbichler Thora-Rollen aus, die in Vitrinen aufbewahrt werden. Auch eine kleine Bibliothek mit orthodoxen Schriften hat der Hotelier angelegt. In den Hotelzimmern lässt er »Sabbat-Uhren« installieren, Zeitschaltstecker, weil es den Gläubigen verboten ist, am Sabbat das Licht ein- und auszuschalten. Der Ansturm war schon im ersten Jahr so enorm, dass die Räumlichkeiten des Tirolerhofs nicht mehr ausreichten, und in anderen Häusern des Familienunternehmens Sommerbichler Synagogen eingerichtet werden mussten. In der Hochsaison öffnet Sommerbichler manchmal gleich drei Synagogen gleichzeitig, wobei im größten Gebetsraum bis zu 500 Gläubige Platz finden. Selbst aus zusätzlich angemieteten Ferienwohnungen strömen in den Sommermonaten orthodoxe Juden in Sommerbichlers Betstuben oder kaufen im Take-away-Service des Hotels koschere Gerichte.

Der Hotelier ist ein öffentlichkeitsscheuer Mann, der kaum über sein innovatives Tourismusprojekt spricht. Sogar ein israelisches Fernsehteam wimmelte er unlängst ab. Er ist sich bewusst, dass es sich bei seinem Unternehmen um eine diplomatische Gratwanderung handelt. Das benachbarte Zell am See ist beispielsweise in den vergangenen Jahren zu einem Mekka für arabische Urlauber geworden. Auch das könnte im entsprechenden Kontext zu einer spekulativen Story missbraucht werden. »Ich bin eben nicht mediengeil«, meint Sommerbichler vorsichtig. Je weniger er im Gespräch ist, desto besser kann sich die koschere Sommerfrische entwickeln.

Wenn im Hotel die Milch ausgeht, muss der Maschgiach auf die Alm

Wenn dann die orthodoxen Juden im nächsten Sommer wiederkommen, werden die räumlich getrennten Kochräume, Milchküche und Fleischküche, wieder blitzeblank gekaschert, also rituell vom Alltagsgebrauch der Wintersaison gereinigt werden. Dann darf wieder kein Gericht, kein Besteck, kein Teller von der Fleischküche in die Milchküche gelangen und umgekehrt. Überhaupt, das Besteck, alle Messer würden unter Aufsicht des Maschgiach mit einer Art Tauchsieder sterilisiert. Da gehe immer wieder etwas kaputt, klagt der Hotelbesitzer. Seine Schwester aber muss lachen und sagt: »Aber wenigstens sauber wird’s.«Wenn im Sommmer die Kühe nicht unten im Stall stehen und im Hotel der Milchvorrat ausgeht, dann muss der Maschgiach wieder schleunigst auf die Alm wandern und dem Senner beim Melken auf die Finger schauen, damit die Milch nicht in falsche, das heißt nicht koschere Eimer geschüttet wird. Sommerbichler gesteht: »Mit der jüdischen Milch, also der mit dem koscheren Stempel, mit der machen wir schon was mit.« Manche rituelle Prozedur sei mitunter schon ein »Mordstheater«. Aber auch dieser Aufwand ist es ihm offenbar wert. »Bei uns«, sagt Sommerbichler, ist es so streng, dass sich sogar manche Rabbiner darüber wundern.«Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben »

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© DIE ZEIT, 14.09.2006 Nr. 38

 

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