Gemeinsam einsam – Singlehotel Eden in der Schweiz


Singlehotel klingt nach frivolen Poolspielchen, erotischen Massagen und dem Austausch der Zimmernummer. Ist es aber gar nicht.
Von Jürgen Schmieder

Singles im Hotel
Singles unterwegs: das dritte oder fünfte Rad am Wagen.
Foto: istock
 


Man kennt das: Dem besten Kumpel ist wieder mal die Freundin weggelaufen, er will nun Spaß haben. In Clubs gehen. Verreisen. Frauen kennenlernen. Kurz: Das Single-Leben genießen. Und dann steht er bedröppelt und betrunken in der Ecke, während seine Kumpels mit der Partnerin knutschen. Im Restaurant bekommt er einen Tisch, der näher am Kochtopf ist als am Zapfhahn. Und Einzelzimmer im Hotel sind grundsätzlich von hektischen Geschäftsleuten belegt. Als Single ist man stets das dritte oder fünfte oder siebte Rad.

Dabei müssten Singles von Restaurants und Hotels stärker hofiert werden als Senioren vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Schließlich gibt es immer mehr Menschen, die alleine leben – ob gewollt oder nicht. „Single, das ist doch mittlerweile ein Schimpfwort“, sagt der 27-jährige Daniel. Er ist auf einer Singleparty im Brauhaus Ernst August in München. „Aber nicht unbedingt, um eine Frau kennenzulernen, sondern um mich mit jemandem unterhalten zu können und nicht den Vergebenen beim Knutschen zuzusehen.“

Mehr denn je trifft auf Singles der Begriff gemeinsam einsam zu. Es scheint, als bilde sich hierzulande eine eigene Subkultur. Es gibt nicht mehr nur Singlepartys und Partnerbörsen, sondern auch Singlehotels. In der Schweiz eröffnete im September vergangenen Jahres das Singlehotel Eden.

Nie mehr allein mehr…

 

Der Begriff ist jedoch irreführend. Singlehotel – das klingt nach frivolen Kennenlern-Spielchen im Whirlpool, erotischen Massagekursen und Zimmernummer-Tausch. Klar, man will ja den Partner fürs Leben, einen Abschnitt oder nur ein paar Stunden. „Nein, so soll unser Hotel ganz und gar nicht sein“, sagt Besitzerin Lisbeth Mathys. Es sei ein Hotel für Alleinreisende, die sich im Urlaub nicht ausgegrenzt fühlen wollen. „Ich habe es nach dem Tod meines Mannes am eigenen Leib verspürt: Nach einem Tag war mir langweilig, weil außer mir nur Paare und Familien anwesend waren.“

Es geht also beim Allein-Verreisen nicht wie in vielen Online-Kontaktbörsen darum, so schnell wie möglich den angeblich perfekten Partner zu finden. Single sein, das ist mehr denn je eine Lebenseinstellung. Und so wie es Aktiv-Hotels für Sportfreaks, Wellness-Hotels für gestresste Manager und Innenstadt-Hotels für Sightseeing-Junkies gibt, steht nun am Thuner See eben ein Hotel für Alleinreisende.

Wie sieht so ein Hotel aus? Es gibt geräumige Einzelzimmer mit riesigen Betten, einen Swimmingpool, einen Tennisplatz, ein Billard-Zimmer. Sieht alles prima aus, findet man so aber auch in jedem gehobenen Mittelklassehotel. So sehr man auch sucht, man kann auf den ersten Blick nichts singlespezifisches erkennen.

Erst beim Einchecken wird klar, dass es irgendwie doch so zugeht wie bei einer Online-Partnervermittlung. Fragebogen ausfüllen. Alter. Interessen. Erreichbarkeit. Nur ein Foto muss man nicht abgeben. Die Rolle der Suchmaschine übernimmt die Belegschaft. Hat man etwa angegeben, dass man am nächsten Tag auf dem Thuner See segeln möchte, wird nach Gleichgesinnten im Hotel gefahndet und eine Bootstour organisiert. „Bei uns geht es vor allem darum, dass Singles als wichtige Gäste behandelt werden“, sagt Mathys. Deshalb sind alle Zimmer für eine Person ausgelegt. Ein riesiges Bett mit nur einer Matratze etwa. Wer jemals in ein Bett gehüpft ist, bei dem zwei Matratzen von einem Holzbalken getrennt werden, wird das zu schätzen wissen.

Dazu versuchen die Angestellten, Alleinreisende – wenn sie es wollen – zusammenzubringen. So lustig es klingt: Man kann sich die Begleitung zum Abendessen quasi an der Rezeption bestellen. „Man kann selbst entscheiden: Möchte ich allein sein oder mit jemandem zu Abend essen, mit dem ich mich unterhalten kann“, sagt Mathys und deutet auf eine ältere Frau, die sich an der Hotelbar mit einem Mann unterhält. „Die Dame war gestern noch allein, heute hat sie Gesellschaft.“

Deshalb trifft es der Begriff alleinreisend vielleicht besser als single. „Viele Menschen haben einen Partner, der nicht gerne verreist. Was soll die Person machen? Etwa daheimbleiben?“, sagt Mathys. Deshalb sei ihr Hotel nicht nur für Singles gedacht, sondern für alle Menschen, die ein bisschen Zeit für sich brauchen. Wer Ruhe will, bekommt sie. Wer Action will, bekommt sie auch. Und wer einfach nur reden will, kann das nicht nur mit Gästen, sondern auch mit der hauseigenen Psychologin. „Man geht spazieren und redet sich alles von der Seele“, sagt Mathys. Viele Gäste würden diesen Service – auch ohne Sorgen – nutzen.

Aus diesem einen Hotel einen Trend abzuleiten, wäre freilich absurd. Das findet auch der Münchner Singleparty-Besucher Daniel: „Ich gehe gern auf Singlepartys, aber in den Urlaub fahre ich dann doch lieber mit Freunden. Wenn viele Leute wegfahren, dann macht es nichts aus, wenn ein paar Singles dabei sind.“ Ein Single macht eben noch lange keinen Alleinreisenden.

(sueddeutsche.de/mmk)

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nadine sagt:

    Tolle idee. Ein Singlehotel

  2. Hartie sagt:

    Ich war zwischen Weihnachten und Neujahr für zwei Nächte Gast im Eden und war vollauf zufrieden. Auch für Nicht-Singles eine Übernachtung wert. Freundliches Personal, schöne Zimmer, gutes Essen & nette Gäste – was will man mehr?

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