Petersburger Hotelgeschichten


In ihrem Buch „Geschichten eines St. Petersburger Hotels“ schildern die Autoren Maureen und Matthias Volker den Aufbau eines Viersternehotels in Sankt Petersburg. Beide standen selbst an der Spitze des Projekts und so ist ihr Buch einBlick hinter die Kulissen der gehobenen Gastronomie der Newa-Metropole aus der Sicht polyglotter Geschäftsleute.

Petersburger HotelgeschichtenLangweilig wird das Buch auf keiner Seite. Immer weiter verfolgt man den interessanten Fortgang des ehrgeizigen Projekts, das natürlich von zahlreichen Pannen begleitet wird. Russlandkenner wird es nicht wundern, dass das Haus am Ende über ein halbes Jahr später eröffnet, als zunächst geplant. Auch danach bleibt das Werk unterhaltsam, fallen doch die ersten Öffnungsmonate des Betriebs in die Steuermarken-Krise mit Alkoholmangel in Russland, den auch die Hotelbar mehr schlecht als recht zu umschiffen hatte und in die Zeit des G8-Gipfels in Sankt Petersburg.

Auch ohne gastronomische Fachkenntnisse einfach zu verstehen ist hierbei das Geschriebene. Sind Fachbegriffe unumgänglich, werden sie sogleich erläutert. Hierbei ergibt sich ein spannender Blick in die Gepflogenheiten der internationalen Hotellerie. Welcher Laie hätte zum Beispiel gedacht, dass ein „horizontaler“ oder „kalter Checkout“ schlicht und ergreifend der Tod eines Gastes innerhalb des Hotels ist? Ähnlich mitfühlend wie diese Bezeichnung sind die Sorgen und Nöten der Betreiber („Wenigstens hat er keine große Sauerei im Zimmer gemacht“, S. 61) im Zusammenhang mit einem solchen Ereignis. Man merkt es auch hier: Nicht wie ein Wirtschafts-Fachbuch, sondern wie ein lockerer Blog sind die „Geschichten eines St. Petersburger Hotels“ geschrieben. Gerade die offene, tabulose Art bereitet aber auch Lesegenuss. Offenbar handelt es sich um die aufbereitete Version eines Email-Tagebuchs für die daheim gebliebenen Bekannten.

Zu kritisieren sind die beiden Autoren jedoch wegen ihres fehlenden Einfühlungsvermögens in die russische Mentalität, das ihnen während ihrer Tätigkeit – die sie gastronomisch mit riesigem Sachverstand dürchführen –
mit Sicherheit Probleme bereitete, die sie sonst hätten vermeiden können. Mehr noch. In vielen Passagen des Buchs bekommt man fast den Eindruck, all diese Russen, die das Hotel am Laufen halten, hätten es nur darauf abgesehen, dem Betrieb zu schaden oder die armen Cheffens zu nerven. Von guten Angestellten erfährt man eigentlich nichts, von menschlichen Aspekten der Einheimischen ebenfalls nicht – außer sie verstoßen gegen die Betriebsregeln und zeigen ihre Verschlagenheit.

Auch Allgemeinplätze über das Volk im allgemeinen und seine Mitglieder im Speziellen sind an der Tagesordnung. Eine Kritik an einem anderen Volk ist es, wenn es sich auf einem ähnlichen Niveau befindet („Die Schweizer sind aber auch nicht viel besser als die Russen“ S. 69) So ist es die größte Überraschung des Buchs, dass die Autoren im Epilog positiv auf ihre drei Jahre Sankt Petersburg zurück blicken. Hier tritt eine Blickweise auf Russland zu Tage, mit der mancher ausländische Geschäftsmann oder Journalist in Russland tätig ist, ohne sich wirklich auf das Land einzulassen. Die Russische Föderation ist nur eine Karrierestation ohne tiefere Bedeutung. Wie schön wäre doch das Business dort ohne diese nervigen Russen und die russischen Verhältnisse. Fragt sich nur, wer dann den Rubel am Rollen halten soll. So ist auch der Finanzier des Petersburger Unternehmens ein Einheimischer.

Dieser Vorwurf trifft die Volkers – bei den Autoren handelt es sich um ein deutsch-holländisches Ehepaar – im Besonderen. Nicht einmal die russische Sprache erlernten sie trotz dreijähriger Tätigkeit im Land und beschweren sich dann über mangelnde Englischkenntisse allerorten.

Auch der Charme, wenn nicht sogar Zauber von Sankt Petersburg scheint ihnen völlig entgangen zu sein. Wer schon einmal dort war weiß, mit welch Scheuklappen man hierfür jahrelang durch diese Stadt laufen muss – noch dazu mit Wohnung direkt am Newski Prospekt. Außer ihrer Stellung und der Szene der Exil-Holländer
scheinen die beiden Autoren von ihrer Umgebung nicht viel mitbekommen zu haben. Russische Angestellte sind nicht erwähnenswert, so lange sie funktionieren und wenn nicht, hat man eine Story für sein Buch.

So oberflächlich der Blick des Buches auf Russland und seine Bewohner ist, so tief gehend ist er im Bezug auf das Hotelleben und die Leitung eines Betriebs in der Föderation als Ausländer. Wer selbst in der Gastronomie
Russlands Fuß fassen will, für den sind die Hotelgeschichten ein Muss und auch andere Russland-unerfahrene Geschäftsleute werden interessante Erlebnisse und Situationen beschrieben finden, auf die man sich einstellen sollte. Insbesondere bei den Erfahrungen mit der Bürokratie und Kleinigkeiten des Alltags finden sich Dinge, die nicht nur den Volkers in Russland begegnen. Etwas ärgerlich ist ein recht schludriges Lektorat, das eine ganze Reihe von Tipp- und Schreibfehlern übersehen hat.

Alles in allem ist „Geschichten eines Sankt Petersburger Hotels“ eine Kaufempfehlung für Hotelinteressierte, Geschäftsleute und Freunde leichten, unterhaltsamen Lesestoffs – weniger für Russland- oder Sankt-Petersburg-Fans. Trotz Schwächen ein überwiegend gelungenes Werk.
<http://www.russland.tv/> Roland Bathon – russland.TV – Russland hören und sehen; Daten zum Buch: Maureen & Matthias Volker: Geschichten eines St. Petersburger Hotels, BoD-Verlag Norderstedt 2008, ISBN 978-3-837060874 mehr Russlandbücher online unter www.russland-buecher.ru – Homepage der Autoren
dieses Buchs unter www.mmvolker.de

Quelle: 18.11.2008, http://russlandonline.ru/ruwir0010/morenews.php?iditem=17560

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