Im Internet ist alles Werbung


Der Streit über Online-Werbung und Suchmaschinenoptimierung ist eigentlich Spiegelfechterei. Denn härter als jedes Werbebanner sind all die Blogger und Twitterer und Sozialnetzwerker. Ob Unternehmen oder Online-Einzelzeller: Am
Ende will doch jeder nur geklickt werden.Die Kollegen von Wired sollen doch mal bitte nach vorne kommen, ja, genau Sie da hinten. Denn Sie haben mit „Hotwired“ alles angefangen. Die erste Bannerwerbung im World Wide Web war extrem teuer. Seitdem lebt eine ganze Kongressbranche von der Frage: Wer kriegt den größten Teil des Internet-Werbekuchens, wo wirbt die erste Sahne der Szene, und warum kann sich Google die Rosinen herauspicken? Online-Advertising ist vieles, vor allem aber ist Werbung auf Bildschirmen eines: störend.

Deshalb müssen alle Werbeverkäufer für einen Moment sehr tapfer sein und sich an ihren schwarzen Ledermappen festhalten: Es gibt Menschen, die glauben, dass Online-Werbung scheitert. Die haben entdeckt, dass Werbung im Netz so sinnstiftend ist wie ein zusätzlicher Becher Wasser in der Donau.

Das ganze liebe Netz, vor 50 Jahren von der ARPA erfunden, sollte doch eigentlich dazu dienen, wissenschaftliche Daten hin und her zu schieben. Aber heute rumpelt eine Milliardenhorde durch das Internet, die lauter ist
als alles, was man bisher in der Mediengeschichte kannte. Sie brüllt: „Klick mich! Nicht den da! Nur mich!“ Oder: „So klicken mehr bei dir, wenn du mich zuerst klickst.“ Es ist, als ob sich ein großes, unförmiges Banner rund um
den Globus gewickelt hätte. Ich klicke also. Und dann? Dann soll ich weiter klicken oder wieder klicken. Ach, klickt euch doch selber.

Dabei wirkt die professionelle Werbebranche noch richtig harmlos. Egal ob die grafisch schönsten Webseiten oder das strikte Gegenteil: Alle werben fleißig für sich selbst. Und sie denken darüber nach, wie sie ihr Profilfoto größer machen können oder ihre Familien und Hunde dazu zwingen, mehr und mehr und mehr zu klicken. Dann gehen sie zu ihren Stammtischen und sagen: „Schaut, mir folgen xxxx Menschen, und ich habe xxxxxx connects und xxxxx,6 Page-Views.“

Dabei nutzen sie konsequent Dienste und Geräte, die ihrerseits für anderes werben. 50 Prozent der Datenströme von Smartphones auf US-Servern kommen von iPhones. Wir dachten immer, dass wir mit vorgehaltenen Handys für Apple schaulaufen. Aber wir werben nur für mehr Verbrauch von Bandbreite. So wie wir für Salesforce-Anwendungen  Werbung erzeugen. Selbst wenn wir das nicht wissen sollen.

Da tut es schon wieder gut, wenn in Blogs wie Fashioning Tech richtig schönes Product-Placement durchgezogen wird. Und währenddessen klicken sie „free download sites“ im Internet auch nur deshalb, um neue Formen für
die eigenen Klicks zu finden.

Denn Web 2.0 ist, wenn jeder nur noch sendet und sonst nichts tut. Das ist härter als jedes Werbebanner und lässt ganze PR-Divisionen und Agenturketten wie Stümper aussehen. Zu den neun Dingen, die das Internet für immer ruiniert hat, fügen wir noch eins hinzu: werbefreie Zonen.

Mehr zum Thema:

*        Die Website von Harald Taglinger

Quelle: 28.03.2009, http://futurezone.orf.at/stories/1503565/forum

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