«Das Null-Sterne-Hotel ist kein Betrieb, sondern ein Kunstwerk»


Nullsterne Hotel

Weltpremiere: Die Künstlerzwillinge Frank und Patrik Riklin eröffnen Freitag im Zivilschutzbunker von Teufen ein Hotel ohne Fenster und Komfort. Die beiden hoffen, dass demnächst der Bundesrat bei Ihnen absteigt. Licht hat es: Die St. Galler Künstlerzwillinge Frank und Patrik Riklin in einem Gästezimmer ihres Hotelbunkers in Teufen.

Interview:

Gratulation zur Weltpremiere! Da ist euch ein toller Coup gelungen.
Frank Riklin: Danke, wir finden das auch super. Aber warum soll unser Nullsternehotel ein Coup sein?
Ihr habt es geschafft, das Interesse der internationalen Medien zu wecken. Sogar ein arabisches Fernsehteam wird über die Eröffnung berichten. Und CNN hat euch ja schon früher beehrt.
Patrik Riklin: Wir machen Kunst, und die öffentliche Wahrnehmung ist dabei wichtig. Uns geht es aber primär um den Inhalt und nicht um die mediale Inszenierung.

Tatsächlich? Eure weltweite Innovation ist doch letztlich banal und bloss ein medienwirksamer Künstlergag.
Frank R.: Das stimmt nicht. Wir hatten einfach die Frechheit zu behaupten, wir seien die Erfinder des Null-Sterne-Hotels. Zu einer Weltneuheit wurde die Idee von den Medien gemacht.
Patrik R.: Es ging uns nie um einen Gag. Beim Projekt handelt es sich aber sehr wohl um eine Mischung aus Heiterkeit und Ernsthaftigkeit. Wir wollten zeigen, wie man in der Hotellerie mit beschränkten Ressourcen kreativ umgehen kann.

Veräppelt ihr damit nicht das Publikum? Eigentlich ist doch jeder bekloppt, der freiwillig in Mehrbetträumen in einem fensterlosen Zivilschutzbunker übernachtet.
Frank R.: Keineswegs. Wir haben inzwischen über 1000 Buchungsanfragen aus aller Welt. Darunter befinden sich gut betuchte Leute, die bewusst nicht in einem Fünfsternehotel übernachten wollen. Sie haben offenbar verstanden, worum es uns geht. Unser Credo lautet: Null bedeutet nicht Verzicht auf Luxus, sondern Erfahren eines anderen, neuen Luxus.

Konkreter, bitte!
Patrik R.: Wir ermöglichen das Erlebnis einer unüblichen Gemeinschaft. Bei uns gibt es «Einzelzimmer ohne Wände». Hier befindet man sich sozusagen in einem Backstage-Raum der eigentlichen Welt, jenseits der üblichen Rollenverteilung. Bankdirektoren können die Krawatte ausziehen und anderen Menschen ungezwungen begegnen.

Also habt ihr einfach ein neues Geschäftsmodell entdeckt, das offenbar attraktiv ist. Was hat das mit Kunst zu tun?
Patrik R.: Wir sehen keinen Widerspruch. Es war nie unsere Absicht, eine Marktlücke zu schliessen. Business ist nicht unser Ding. Und wenn ein Kunstwerk ein grosses Echo erfährt, ist das doch das Beste, was einem Künstler passieren kann. Unsere Message bleibt trotzdem dieselbe: Das Hotelprojekt ist eine Antithese zum Grössen- und Luxuswahn unserer Gesellschaft. Die implizierte Kritik an der Sterneklassifizierung der Hotellerie steht dabei nicht im Vordergrund. Damit kokettieren wir bloss.

Wie viel verdient ihr am Projekt?
Frank R.: Vorderhand nichts. Mit Übernachtungspreisen zwischen 15 und 30 Franken sind nur die Unkosten gedeckt. Wir arbeiten jetzt aber mit zwei Partnern aus dem Tourismusbereich zusammen. Diese wollen das Kunstwerk Nullsternehotel unter dem geschützten Markennamen Zero-Star weltweit vermarkten.

Und ihr werdet als Lizenzgeber finanziell gross absahnen?
Patrik R.: Es wäre nicht dramatisch, wenn wir mal etwas verdienen würden. Das ist aber nicht unser Ziel. Als Künstler sehen wir uns beim Zero-Star-Projekt primär als Ideenhüter. Und eine Grundidee ist ja gerade die Kritik am System des Kapitalismus, in dem sinnlos Güter produziert werden, sich ein paar wenige bereichern und dann zum Beispiel Prämien zur Verschrottung von Autos bezahlt werden. Unsere Vision ist ein sorgsamerer Umgang mit knappen Ressourcen.

Frank R.: Im Vordergrund steht aber eher die Kritik an der schweizerischen Sicherheitspolitik. Unser Land leistet sich Tausende von Zivilschutzanlagen, die leer stehen. Unser Projekt mit den Nullsternehotels ist ein Appell an die Gemeinden, ihre Bunker zu öffnen und der Bevölkerung für eine sinnvolle Nutzung zugänglich zu machen.

Umso erstaunlicher, dass das erste Nullsternehotel im politisch konservativen Teufen in Betrieb geht.
Frank R.: Teufen ist aber auch eine der reichsten Gemeinden in Ausserrhoden, was einen schönen Kontrast zur Nullsterne-Idee ergibt. Die Behörden haben das Projekt aber problemlos abgesegnet. Allerdings sollen
laut dem Gemeindepräsidenten 20 Prozent der Bevölkerung dagegen sein. Man fürchtet um das Image des Dorfes.

Trägt das Gros der Gemeinde das Projekt tatsächlich mit?
Frank R.: Wir hoffen es. Ein zentraler Punkt des Konzepts ist ja die aktive Teilnahme der Bevölkerung, denn das ermöglicht die Identifikation mit der Hotelidee. Einheimische stellen uns altes Mobiliar und Bettwäsche zur Verfügung. Und sie sollten sich wenn möglich bei der Betreuung der Hotelgäste beteiligen.

Patrik R.: Trotzdem müssen wir die kritischen Stimmen ernst nehmen. Eine Bürgerin hat sich sogar einen Anwalt genommen und Beschwerde eingereicht. Ihrer Ansicht nach ist das Hotel rechtswidrig, weil sich der Zivilschutzkeller in einer Wohnzone befindet. Ich habe ihr aber erklärt, es handle sich nicht um einen kommerziellen Betrieb, sondern um ein Kunstwerk. Wir werden sehen, wer Recht bekommt. Die Beschwerdeführerin hat erklärt, dass sie notfalls bis vor Bundesgericht gehen will.

Da bahnt sich ein langwieriger Rechtsstreit an.
Frank R.: Vielleicht kann uns der Bundesrat helfen. Wir haben ihn bereits eingeladen, das Hotel zu besichtigen. Im Juli macht der Gesamtbundesrat nämlich sein obligates Reisli in den Heimatkanton des Präsidenten.

Habt ihr von Hans-Rudolf Merz eine Antwort erhalten?
Frank R.: Man beschied uns, das Reiseprogramm des Bundesrats sei sehr dicht, aber grundsätzlich sei man interessiert. Wir hoffen fest auf eine Stippvisite.

Patrik R.: Die Magistratinnen und Magistraten dürften natürlich gerne auch bei uns übernachten. Wir haben zwei Schlafräume zu je sieben Betten. Der Bundesrat hätte also genau in einem der beiden Mehrbettzimmer Platz.

Quelle: 05.06.2009 baz.online Tagesanzeiger von Antonio Cortesi.

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