Gute Zimmer, schlechte Zimmer…


Wenn Hotels sprechen könnten, würden sie erzählen von wilden Nächten und alten Matratzen, von Prunk und Dreck. Helge Timmerberg hat mitgeschrieben. Neulich im Hotel. Ein Ehepaar, das einchecken will. Und ein Rezeptionist.

Rezeptionist: „Where do you come from?“ Ehemann: „From Switzerland.“ Ehefrau: „Was hat er gesagt?“ Ehemann: „Er wollte wissen, woher wir kommen, und ich sagte ihm, wir kommen aus der Schweiz.“ Rezeptionist: „From where in Switzerland?“ Ehemann: „Basel.“ Ehefrau: „Was hat er gesagt?“ Ehemann (bereits leicht genervt): „Es ging um unsere Heimatstadt. Ich sagte, daß wir aus Basel seien.“ Rezeptionist: „Oh, Basel, da hatte ich mal den schlechtesten Sex meines Lebens.“ Ehefrau: „Was hat er gesagt?“ Ehemann: „Er sagte, daß er dich kennt.“

Neulich in einem anderen Hotel. Im Frühstückssaal. Der Gast gibt seine Bestellung beim Kellner auf. „Ich hätte gern zwei Eier. Eins roh und eins steinhart. Dazu einen gänzlich verkohlten Toast und eine lauwarme Suppe, die nach Kaffee schmeckt.“ „Ich weiß nicht, ob sich das machen läßt“, antwortet der Kellner. „Wieso“, sagt der Gast, „gestern ging’s doch auch.“

Warum ich hier Hotelwitze erzähle? Weil man im Hotel nichts zu lachen hat. Und vielleicht sitzen einige meiner Leser gerade jetzt in einem Hotelzimmer und fragen sich so dies und das. Warum sie zum Beispiel fast immer einen Spiegel genau dort an die Wand hängen, wo der Schreibtisch steht. Wer will beim Schreiben sein eigenes Gesicht sehen? Wen inspiriert das? Ich habe einen ziemlich großen Freundeskreis und einen noch größeren Kreis von Bekannten und Kollegen, und keiner kann das verstehen.

Wollen die Hoteliers so vielleicht an hauseigenem Briefpapier sparen? Oder lieben sie es, ihre Zimmermädchen von allen Seiten zu betrachten, wenn sie diese auf dem Schreibtisch nehmen? Das Blöde an den Spiegeln: Man kann sie nicht einfach abhängen, weil sie fest eingedübelt sind. Das geht nur mit den Bildern. Auch ein trauriges Thema. Hoteliers haben eine große Schwäche für Kupferstichkopien und Stilleben aus den Ein-Euro-Shops ex-jugoslawischer Emigranten. Früher habe ich sie irgendwo am Boden des Zimmers gestapelt, mit dem Motiv zur Wand, inzwischen stelle ich sie vor der Tür im Flur ab. So, wie man es mit schmutzigem Geschirr macht.

Man könnte nun behaupten, das sei ein typisches Billighotelproblem. Ich würde sagen, man kann viel behaupten, was nicht stimmt. Weil auch die Wahl von teuren Hotels nicht immer sauberes Feng-Shui garantiert. Da schlägt einem der Hang zu Prunk und Protz gar nicht so selten wie eine Faust ins Gesicht. Oder in den Bauch. Harmonie wird mit dem Solarplexus wahrgenommen, auch Sonnengeflecht genannt, und dieses Geflecht ängstigt sich, wenn das Bett von wuchtigem Barock umringt wird und die Fenstervorhänge wie Teppiche fallen, und noch mehr ängstigt es sich, wenn hinter den Fenstervorhängen keine Fenster sind, was allerdings nur in Hotelzimmern der Dritten Welt und einiger Schwellenländer vorkommt. „Fake-windows“ sind eine indische Spezialität. Sie vermitteln das Gefühl, daß du in einem Grab mit Roomservice eingecheckt hast.

Ich wende mich nun der hellen Seite des Reisens zu. Was macht ein gutes Hotelzimmer aus? Dafür gibt es eine einfache Formel: je größer, desto besser, je heller, desto schöner, je älter, desto atmosphärischer. Ein blinder Spiegel im Badezimmer des Hotels „Rivieria“ (Havanna) erzählte mir Geschichten von Frank Sinatra, der sich vor vierzig oder fünfzig Jahren vor ihm rasiert hat, ein großer, alter Deckenventilator in Downtown Granada wußte von den Leiden eines erfolglosen (also schwerverletzten) Toreros zu berichten, und dann gibt’s da natürlich noch das große Thema: wenn Betten reden könnten. Die Betten im „Grand Hotel Londres“ (Istanbul) zum Beispiel würden sofort über die heimlichen Stunden des letzten osmanischen Sultans Abdülhamid II. mit seiner europäischen Konkubine sprechen wollen. So alt sind diese Betten nicht, höre ich die Zweifler sagen. Möglich. Sogar wahrscheinlich.

Aber es scheint, daß sie die Geschichten ihrer Vorgängermöbel wie ein Erbe übernehmen, warum sonst sollte mir ein Bett im 1870 eröffneten „Londres“ so etwas Komisches erzählen? Der Sultan brauchte eine Geliebte, obwohl er in seinem Harem schon rund neunhundert Frauen hatte.

Damit wir uns nicht mißverstehen: Es gibt durchaus einen Unterschied zwischen Betten, die Geschichten erzählen, und Betten, die einfach nur nach Sperma stinken, wie die im Hotel „Nana“ (Bangkok). Erst verschlug es mir den Atem, dann wollte ich die Schuhe nicht mehr ausziehen, weil der Bodenbelag ganz ähnlich roch. Glücklicherweise bekommt man in Thailand in jeder Apotheke rezeptfrei Valium. Danach bin ich drei Tage nicht mehr aufgewacht. Wenn ich doch mal aufwachte, wollte ich nicht aufstehen, und wenn ich doch mal aufstand, wollte ich mich wieder hinlegen. Das hat viel Spaß gemacht. Schlaf, Reisender, schlaf, dann bist du so wehrlos wie ein Schaf und so glücklich wie ein Buddha, denn auch das fiel mir auf in diesen drei Tagen: Ich schlief nicht nur gern, ich lag auch gern auf diesem durchgelegenen Bett, in diesem abgefuckten Zimmer. Ich mochte sogar die Kakerlaken, ob schon meine Zuneigung zu ihnen eher theoretisch war, denn sie lebten im Bad, und das hatte ich seit langem nicht mehr gesehen. Der Weg ins Bad erschien mir wie der Weg zu einem Viertel am anderen Ende der Stadt. Und wurde auch so geplant.

Valium ist für schlechte Hotelzimmer deshalb ideal. Der Wirkstoff heißt Diazepam. Er gehört zu der Familie der Tranquilizer und zu den meistverschriebenen Psychopharmaka weltweit. Auf der Liste der beliebtesten Beruhigungsmittel steht er auf Platz eins. Wirkung: Bedrohliches verwandelt sich in Nebensächliches, Furcht zerrinnt, psychische Tiefen gibt es nicht mehr. Fehlte dem Valium nicht die Magie des Opiums, wäre es die Königin der Drogen. So reicht es nur zur Königin der Krankenschwestern oder, wie in meinem Fall, zur Königin des Roomservice. Wer nichts braucht, wird immer gut bedient.

Mit dem genau entgegengesetzten Problem konfrontierte mich das beste Zimmer in einem zum Hotel umfunktionierten ehemaligen Maharadscha-Palast (Jaipur). Es hat ein Schweinegeld gekostet, aber das war mir so was von egal, denn in der Mitte des Zimmers schwammen auf einem Zierteich Lotusblüten, das Bett war ein Reich von seidenen Schleiern, die Bilder, die Möbel, die Marmorvariationen im Bad, alles atmete die Größe und den Geschmack der alten Moguln. Dazu gehörte eine etwa hundert Quadratmeter große Terrasse und der Himmel über der Wüste von Rajasthan. Und da wollte ich, man wird es verstehen, auf gar keinen Fall zu früh einschlafen. Weil mir jede verschlafene Stunde hier wie rausgeworfenes Geld erschien.

Das macht zu gute Hotelzimmer natürlich auch ein bißchen kontraproduktiv. Aber sei’s drum. Greifen wir in die Reiseapotheke. Das Mittel heißt Sangenor und wird weltweit rezeptfrei in Trinkampullen angeboten. Wirkstoffe: Mono-L-Arginin-L-Aspartat, Hydroxybenzoesäuremethylester und Saccharosum. Anwendungsgebiete: 1. nach Marathons 2. nach der Geburt 3. nach Operationen. Nur drei von diesen Ampullen in einer Cola mit Rum genossen, und man bleibt wach bis zum Auschecken.

Quelle: 21.03.2010, Welt.de

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